
Zum sechsten mal bereitet der Schauplatz Reeperbahn Kiez mal wieder allen Musikfreunden einen heiden Spaß. Mittlerweile mehr als etabliert bietet das
Reeperbahnfestival gleichermaßen für Musikfans, Presse und Businessleute eine gelungene Plattform, um Neues zu entdecken und über Altes zu schwadronieren. 3 Tage voll mit Konzerten, Showcases, Kunst, Diskussionen und noch viel mehr jeglicher Popkultur. Natürlich ist das
Reeperbahnfestival nach Vorbildern wie dem SXSW in Austin, Texas oder dem Eurosonic Festival in Groningen, Niderlande aufgebaut worden, hat aber mittlerweile seinen ganz eigenen Charakter erschaffen. Vertreter aus aller Welt sind nach Hamburg gereist, um sich ihren Kopf mit den über 200 stattfindenden Shows füllen und sich über den Hamburger Paradekiez und die rund 40 Locations treiben zu lassen. Netterweise durfte auch ich wieder dieses Jahr für zwei Tage an diesem für Deutschland doch einmaligen Festival teilnehmen. Ich bekam meinen Ausweis und war stolz wie Oskar mit meinem
abbreviated daylight Schild um den Hals durch Hamburgs Straßen zu ziehen.
Am Freitag angekommen wurde erstmal nachgehorcht, wie denn der verpasste Donnerstag gewesen ist. Fast schon erahnt habe ich die durchweg positiven Stimmen zum Auftritt der Norweger
Team me, die mit einer unglaublichen Show viele beeindruckt haben müssen. Selbst in den Erzählungen danach spürte ich die Frische und nahm jedes Lächeln genüßlich auf. Auf
Team me sollte man nämlich ein Auge werfen. Eine EP gibt es schon, das Debütalbum folgt. Ärgerlich das mit
The Tellers,
Brasstronaut,
French Films und
Josh Ottum weitere Highlights mir flöten gingen. Mal sehen ob im nächsten Jahr ein Urlaubstag mehr drin ist.
Flatstock, Spielbudenplatz Canada House, kukuun
Der Freitag begann sehr entspannt mit einem kühlen Bierchen im Pressebreich und dem Reinschnuppern in ein paar Podiumsdiskussionen. Das Festival ist in drei Spaten eingeteilt. Es gibt den Bereich Music, den Bereich Arts und den Campusbereich, der jedoch vorweigend für Plattenfirmen, Booking- und Promoagenturen sowie der Presse interesant ist. Das Who is Who des Backstagebreiches bfeindet sich hier. Jedoch solte demnächst der örtliche Erkennungsdienst angagiert werden, um ein etwas besseres Zusammenbringen und -führen zu organisieren. Hier mal jemanden ohne Akkreditierung zu treffen ist höchst selten. Interessanter Weise schaut man sich nicht ins Gesicht, sondern nahezu oder erstmal nur auf den umgehängten Ausweis. Übrigens auch ein Glücksgriff für so manche Dame des horizontalen Gewerbes, wenn diese dann einen sofort mit Namen ansprechen kann. Es kann also auch unangenehm werden, aber man nimmt es mit Humor.
Ansprechend und vor allem für die nötige Partystimmung sorgte der holländische Skabus auf dem Spielbudenplatz. Ein alter gelber Schulbus, wie man ihn vor allem aus amerikanischen Filmen kennt, wurde kurzerhand umfunktioniert zur kleinsten Skabühne der Welt. Um möglichst viel Stimmung und verstörte Blicke der draußen stehenden Zuschauer zu ergattern, wurden so viele Leute zur grade spielenden Band mit in den Bus gepackt. Beim nächsten TÜV würde ich die Raddämpfer und die beiden Achsen mal kontrollieren lassen. Stimmung garantiert.
Einzig oder einzigartig bleibt die Show des ehemaligen MTV Aushängeschildes
Ray Cokes, der in seiner über die drei Tage täglich einstündigen Show
Ray's Reeperbahn Revue so ziemlich alle in Laune bringt. Lockerer Talk und Livemusik im pickepacken vollen Schmidt Theater. Cokes macht den Unterschied zu so vielen Anderen. Ein Glücksgriff, der den Besuch des Campusbereichs schon rechtfertigt. Neben dem
Schmidt Theater befinden sich die Schowcasebühnen der Kanadier und der Holländer. Im
kukuun und im
Sommersalon versuchen Agenturhasen und Labelmiezen ihre Künstler unter die Leute zu bringen. Halbstündige hautnahe Sets von
Ian Kelly,
Wilderness of Manitoba (beide Kanada) oder
Moss und
I am oak (beide Niederlande) stimmen am Nachmittag perfekt ein. Das Bestellen des kühlen Astras hat mit dem eigenen Namen versehenen Akkreditierungsausweis auch wieder eine persönliche Note - ein wenig angenehmer als das Umwerben von Monique. Auf dem
Spielbudenplatz machten sich diese und jene Band auf der Radio N-Joy Bühne bereit und spielten ein oder zwei Songs für das vorbeilaufende Volk. So nahm man den
Talking to turtles Auftritt gerne mit. Etwas weiter auf dem Spielbudenplatz stellte sich die weltweite Posterkultur im Rahmen des Flatstocks Europe zur Schau. Für Grafikfans und Sammler ausgefallener Posterkunst ein herrliches Fressen.
Moss, Schowcase
Talking to turtles, Radio N-Joy Bühne



I am oak, St.Pauli Kirche
Der Konzertmarathon begann im
Molotow bei den
Eastern conference champions und mit der ersten Erkenntnis, dass es nicht immer so sein muss wie im letzten Jahr. 2010 hatte ich noch keine Probleme in die Clubs zu gelangen. Das Molotow war aber bis zur Theke hin so dichtgepackt mit Besuchern, dass ich nur kurz hören konnte, wie denn die mir unbekannten und empfohlenen
Eastern conference champions so sind. Ein paar Tage später in Berlin konnte ich sie mir dann in etwas ungedrungenerer Atmosphäre, als Vorband der
Get up kids, in Ruhe anschauen (
Konzertreview hier). Das für Jedermann persönlich zusammenstellbare Timetable schlug nun vor zum Namensgeber des Hamburger Kiezes, der
St.Pauli Kirche, zu pilgern. Ähnlich wie die Konzertkirchen in Dortmund und in Köln bietet auch die
St.Pauli Kirche in Hamburg eine tolle Akustik und für den ersten Act des Tages,
I am oak, erschien die Location genau richtig. Ein fast schon andächtiges Konzert, mit Hingabe zur Musik und der nötigen Ruhe und dem Respekt gegenüber des Veranstaltungsortes. Weihwasser wurde zu Wein und Bier und Pfarrer, Küster und Pastoralreferentin schanken aus. Herr-lich! Neben den eigenen wunderbaren Songs von
I am oak spielten die Niederländer auch eine Coverversion des
Bruce Springsteen Songs
Streets of Philadelphia. Das ging schon mal unter die Haut. Doch auf zum nächsten Highlight.
Pelle Carlberg wartete schon in der
Hasenschaukel, leider nicht auf mich. Die
Hasenschaukel war voll. Die Frontscheibe zur Silbersackstrasse beschlug sich schon fast - also weiter.
Prinzenbar! Auch nicht weit weg.
Orph sind gleich dran. Pünktlich anwesend trumpfte die Band aus Weimar mehr als überzeugend auf. Melancholisch verpsielter Indienoisepoprock - Verflucht sei der Genreerfinder.
Orph waren toll. Leidenschaft, Improvisation, Rock, Electronic, Harmonie, Noise - abwechslungsreich und eingängig. Majästätisch wirkte dieser Auftritt in der
Prinzenbar. Da verpasste ich gerne die bestimmt auch nicht schlechten
Ganglians.
Orph packte richtig am Kragen und ließ erst nach dem letzten Song los.
Friendly fires, Uebel & Gefährlich
Für viele schon vorher klar, stellten die Australier
Cloud control das Highlight des Freitagabends dar. Ein paar Minuten zu spät dran und die Kapazität des
Knusts war erreicht. Vordrängeln in der anstehenden Schlange gilt nicht, also weiter zum
Uebel & Gefährlich, damit wenigstens die letzten Takte von
Friendly fires noch mit aufgenommen werden konnten. Oben im Bunker angekommen, man muss in den 4. Stock mit dem Fahrstuhl in die Konzerthalle des
Uebel & Gefährlichs fahren, überschlug den Gehörgang ein Mix aus Funk, Punk und Indie. Der Frontbereich schien eine einzige Menge tanzender Verrückter zu sein. Da wippte jeder mit und der positive Charme der Engländer aus St.Albans überraschte sichelrich nicht nur mich. Im Anschluss an
Friendly fires machten sich die
Jezabels aus Sydney auf der Bühne bereit. Es wurde düsterer und brachte im Gegensatz zu den vorher auftretenden Engländern einen totalen Kontrast. Mystisch elegant schlich Sängerin
Hayley Mary über die Bühne und konnte leider nur so richtig mit ihrem Hit
Endless summer überzeugen. Tolle Stimme und viel Potential, aber viel zu erwartungsvoll nach vorne geprescht. So verschwinden viele Songs im Klangraum des
Uebel & Gefährlichs.
The Jezabels, Uebel & Gefährlich
Wieder zurück am Knust sollte
EMA dem Freitag einen würdigen Abschluss geben. Mit Bandunterstützung krachten die Songs über die Balkone im Knust und auf der Bühne sah man eine verzückte und in guter Laune befindliche
Erika M. Anderson. Rückkopplung, Lärm und dazwischen immer wieder einprägende Melodiefetzen. Grandios
California oder
Milkman live zu erleben.
Anderson selber wirkte dabei so offen und authentisch, so dass es ein würdiger emotionaler und mehr als grinsebackender Abschluss für den Freitag war. Um mal kurz zu erwähnen was verpasst, nicht erreicht oder einfach zeitlich nicht möglich war, sind hier die Bands die Freitag ebenfalls das Hamburger Nachtleben zu etwas Besonderem machten:
Herman Dune,
The get up kids,
Handsome furs,
Hundreds,
Kristoffer Ragnstam,
Jack Beauregard,
Ganglians,
Eastern conference champions,
Ben Howard oder
Apparat Band.
EMA, Knust
Am Samstag eröffneten
Dear reader im
Grünspan und enttäuschten mich leider abermals. Das neue Album fruchtete schon nicht und die Livechance, den ich den Südafrikanern geben vermochte hätte ich mir sparen können. Aber so sind nun mal Eindrücke. Es klang in meinen Ohren belanglos, Musik bleibt Geschmackssache. Ein kurzer Abstecher ins benachbarte
Indra lieferte aber ähnlich grausige Töne, so dass Notizen anscheinend noch nicht mal nötig gewesen waren. Also dann lieber einmal komplett über den Kiez und rüber zum
Imperial Theater. Dort spielten die Niederländer
Moss, die am Vortag schon im Showcase überzeugten. Ein wenig müde schon vom vielen Hin und Her, wurde das
Imperial Theater auf der einen Seite mit Freude betreten, auf der anderen Seite mit Sorge. Bieteten die herrlichen Theatersessel doch eine gelungene Entspannung und lieferten gleich aber auch die Gefahr nicht mehr hochzukommen und einzudösen.
Moss verhinderten dies durch ein großartiges Stück Musik. Immer wieder glänzend, wenn Musiker auf der Bühne stehen, die ihr Instrument beherrschen.
Moss kommen live deutlich druckvoller und prägnanter rüber als auf Platte. Ein positives Erlebnis durch und durch und mit ein Highlight des diesjährigen Festivals. Das
Imperial Theater ist dabei eine mehr als gelungene Location. Hier stehen sonst Miss Marple oder Sherlock Holmes auf der Bühne, jetzt smarte holländische Nerds mit süßem Poprock.
Dear reader, Grünspan
Moss, Imperial Theater
Süß war auch eine kleine Neuseeländerin die in
Angie's Nachtclub mit Begleitung und nur Akustikgitarren bestückt, mit einer zarten Melodie nach der anderen den Zuschauer einwickelte.
Flip Grater aus Auckland stand auf der Bühne, die eigentlich keine war. Bei Angie treten die Künstler sozusagen auf gleicher Höhe auf. Die nicht vorhandene körperliche Größe
Flip Graters machte das aber eher zu einem kleinen Problem. Nichts desto trotz berührte die Musik sehr und brachte mir Erinnerungen an
Tiny Vipers oder
Emily Jane White nahe.
My heart belongs to Cecilia Winter sollte folgen. Allein der Name machte mich neugierig auf die Schweizer. Doch die
Prinzenbar war voll. Nachdem der Molotowkeller mich zudem abermals nicht reinließ, um mir eine zweite Meinung der
Flashguns einzuholen, der erste war nicht von Erfolg gespickt, und die im Erdgeschoss ansässige
Molotowbar,
Me and my drummer spielten grade, mir keine Luft zum Atmen schenkte, zog es mich abermals ins
Imperial Theater. Der Engländer Marcus Foster ließ mich wenigstens noch teilhaben an etwas Musik. Nur mit Gitarre und Cajón ausgestattet lieferte Foster eine runde Show ab. Teilte mit seinem Publikum Spaß und Leidenschaft. Seine Songs wirkten teilweise zwar wie
Frank Turner Protestsongs, erzeugten aber durch eine äußerst authentische Art und Weise teilweise Gänsehaut.
Flip Grater, Angie's Nightclub
Marcus Foster, Imperial Theater
Überraschender Abschluss am Samstag waren dann die letzten Takte der Instumentel Post-Rock oder gar Metal Combo
Long distance calling, die anscheinend während ihrer Show im
Knust den halben Laden auseinander nahmen und unglaublich viel positives Feedback bekommen haben. Da reichte der Eindruck der letzten drei Stücke, die gefühlte 30 Minuten gedauert haben. Und dann war der Samstag plötzlich mit diesem Paukenschlag zu Ende. Nicht vergleichbar mit dem Freitag, was nicht schlimm, aber aufgrund der vielen vollen Läden einfach ärgerlich war. Dennoch entpuppte sich das Wochenende auf dem Hamburger Kiez als ein schlichtweg tolles Wochenende. Bei einer zu großen Schlange vor dem Club, sollte stets nicht aufgegeben werden und einfach mal nach nebenan geschaut werden, wer denn da grad spielt. Mit
Flip Grater,
Moss,
I am oak oder auch
Orph hatte ich plötzlich Bands im Kopf, die vorher nicht in dieser Größe auf dem Zettel standen.
In Hamburg geht das Herz auf. Mit Musik noch viel mehr. Der Kiez, die Elbe, die Absacker in der Mutter - was gibt es Schöneres? Am Sonntag fuhr ich nochmal durch den Hafen, atmete ein wenig Seeluft ein und ließ in Ruhe das Erlebte sacken. Bis nächstes Jahr Hamburg. Es war schön mit Dir.