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Oktober 23, 2011

Cannon Bros.


Die Zeit der aufstrebenden Duos schien ja schon fast vorbei zu sein, oder? Nach dem fulminanten Durchmarsch von An Horse, wurde nicht all zu viel auf dem Markt über dieses oder jenes Pärchen gesprochen - oder ich habs mal wieder nicht mitbekommen? Letztens machte jedoch irgendjemand das Garagentor zu den Cannon Bros. auf. Unverbraucht, roh, mit zügigem Tempo und frischer Attitüde. Firecracker/Cloudglow, das Debüt von Cole Woods und Alannah Walker ist für Oktober/November 2011 angekündigt. Bis dahin gibt es auf der Bandcamp Seite ihre Vorab EP aus dem Jahre 2010 für lau! Perfekt für den ersten Eindruck. Out of here macht Laune und erweckt ordentlich Aufmerksamkeit für die noch sehr jung erscheinenden Nerds aus einer Garage im überbevölkerten Winnipeg/Kanada. Das Debüt kann im Shop bei Disintegration Records vorbestellt werden.

cannonbros.bandcamp.com
www.facebook.com/Cannon-Bros



Oktober 19, 2011

Grouplove - Never trust a happy song

Atlantic / Warner
28.10.2011


Willkommen im farbenfrohen Zauberwald der Indiepopmusik! Was Anfang des Jahres schon in kurzer Form verheißungsvoll anfing, nimmt nun im Debüt Never trust a happy song konkrete Tatsachen an. Grouplove haben zurecht gewisse Gefühle im letzten Winter/Frühling ausgelöst. Aufgewühlt, energiegeladen, lebhaft und voller Inbrunst singen und spielen die mittlerweile aus L.A. kommenden fünf Musiker. Getreu nach dem Motto der Platte erscheinen die Songs im ersten Moment alle absolut happy, wird allerdings auf die Lyrics geschaut, so kann es doch das ein oder andere Mal zurückschrecken. Egal. Das Dingen fetzt ordentlich und wird es mit großer Sicherheit auch in Zukunft tun. Der Platz in den Top Ten 2011 ist auf diesem Blog reserviert.

Den Einsteiger bildet Itchin' on a photograph. Mit den darauffolgenden Songs Tongue tied, Lovely cup und Colours schütten Grouplove gleich zu Beginn ein Quartett vom Allerfeinsten auf die Bahn. Alles Hits! Tongue tied, die zweite Videoauskopplung, geht dabei gnadenlos in den Gehörgang und veranlasst schon nach wenigen Durchläufen mitzusingen. Ebenso ergeht es dem Hörer mit Colours, welches schon vom kurzen Debüt bekannt ist. Mit Slow wird es etwas poppiger und Hannah Hooper übernimmt den Leadgesang, den sonst Christian Zucconi inne hat. Naked kids führt beseelt wieder an die ersten vier Songs ran. Spun greift das typische vorlaute Musizieren, so will ich es mal nennen, der Band vollends auf. Im Gegensatz zu Betty's bomb shell, welches ich als den einzigen Schwachpunkt ansehen würde. Da hätte mir der tolle Burner Don't say oh well von der Debüt EP auf dem Album besser gefallen. Egal. Chloe stampft es aus und Love will save your soul beinhaltet dafür das altbekannte Frage/Antwort-Spiel. Folkeinflüsse sind dann in Cruel and beautiful world zu erkennen, während der ganze Indianerhaufen von Grouplove in Close your eyes and count to ten einen würdigen Abschluss findet.

Nochmal drüber gehört sticht der Beginn von Never trust a happy song etwas mehr ins Ohr als das Ende. Was dem Gesamteindruck jedoch nicht schadet. Mit vielen vermischten Farben, lebensfroher Musik und zum kopfwürdigen Lyrics, machen Grouplove den Herbst verdammt sonnig! Auf gehts - tanzt im Laub! Don't leave me tongue tied!


Grouplove - Tongue tied


Grouplove - Colours





Oktober 18, 2011

The Walkabouts - Travels in the dustland

Glitterhouse Records
21.10.2011


Die Walkabouts sind zurück. Nach sechs Jahren haben Chris Eckman, Carla Torgerson, Terri Moeller, Michael Wells, Glenn Slater und Paul Austin es endlich wieder geschafft, ihre Musik in Form von Travels in the dustland mit dem Hörer zu teilen. Travels in the dustland entpuppt sich schon beim betrachten des Tracklistings und dem Aufbau der Platte als kleines Konzeptalbum. Unterteilt in vier Abschnitte durchquert man verstaubte Landfetzen der weiten Prärie. Genug Zeit um sich zu sammeln und die Musik aufzunehmen. Part eins, Home & beyond, startet mit dem Entstauber My diviner. Carla Torgersons Stimme entfaltet sich in der Einöde. Der Hörer wird sanft begleitet und geführt. Der Opener alleine offenbart den Weg, den Travels in the dustland geht. Mit Unterbrechungen feilte Eckman immer mal wieder an Songs, bis die Sammlung vollständig war und der Rest der Walkabouts ihren Input geben konnte. Während Song eins noch zart und behütet im übertragenen bildlichen Sinne vielleicht ausgetrocknet aus der Perspektive Torgersons erzählt, dass der Partner auf der Suche nach einer Wasserquelle ist, so erzählt Eckman im zweiten Song mit voller Wucht und Nick Cave Attitüden, wie sich die Suche nach dem doch so wichtigen Lebenselexier gestaltet. Der Plan steht und bereits im zweiten Song, ist die Geschichte aus dem Wüstenland voll im Gange. Der Staub wurde schnell abgewischt und mit musikalischer Eleganz sind die Walkabouts auf einmal wieder da. Soul thief erinnert ein wenig an Leonard Cohens Zeit Anfang der 90er - treibend, vorwärtspräschend. Torgerson und Eckman singen abwechslend, mal solo, mal zusammen. So wie in They are not like us, bei dem die dunkle Stimme Eckmans im Refrain wie ein dahinwandelnder Schatten im Ohr liegt.

Im zweiten Part, Crossing broken ground, lässt auch der Rainmaker nicht mit sich reden - die Flüsse werden brennen und alles scheint vom Aussterben bedroht zu sein. Nach Eckmans energischem Versuch den Rainmaker zu erwischen, verspürt man in Torgersons Stimme in Every river will burn schon eine leichte Niedergeschlagenheit. Das folgende No rhyme, no reason zeigt sich mit klassischen Rockelementen im trozigen Gewand und leitet gen Ende des Songs den dritten Part, A lifting, ein. Elegant und schwebend wirken Streicher und Klavier zusammen, erzeugen bei all dem vorangegangen Feuer einen wohlwollenden Frieden - wie immer der auch aussehen mag (Wild sky revelry). Long drive in a slow machine stellt sich schwungvoll auf und protestiert noch einmal gegen das Existenzende. Der letzte Part, Dusk, stones, silence, stellt wie nicht anders zu erwarten, das Outro dar. Eckman und Torgerson bringen die Geschichte zu Ende. Mystisch und mit der gleichen Eleganz, die die Walkabouts zu Beginn der Platte spüren ließen, endet Travels in the dustland. Da passt natürlich der Titel Horizon fade punktgenau und schließt metaphorisch den Vorhang vor den eigenen Augen.

Nach mehrmaligem Hören entpuppt sich Travels in the dustland für mich in erster Linie als wohltuende Sesselplatte, zum Schlummern und Versinken. Es ist der Platte und ihren Musikern anzumerken, dass hier, einfach ausgedrückt richtig gerne dran gearbeitet wurde. Mit viel Energie und Hingabe. Wie es live wird und mit welcher Energie und Hingabe die Songs dann präsentiert werden, bleibt abzusehen.

  • 13.01.2012 Geislingen, Rätschenmühle
  • 19.01.2012 München, Feierwerk
  • 23.01.2012 Berlin, Lido
  • 24.01.2012 Hamburg, Fabrik
  • 26.01.2012 Frankfurt, Brotfabrik 

www.thewalkabouts.com

Flashguns


Nach dem physischen Release in England, bei uns kam das Debütalbum der Flashguns am letzten Freitag auf den Markt, gibt es Passions of a different kind jetzt im kompletten Albumstream. Zum Vorabhören und wenns dann gefällt auch zum Kaufen. Auf Tour sind die Flahsguns natürlich auch noch.
  • 04.11. Halle - Humming Records Label Night @ Drushba im Exil (Upperclub), DE
  • 05.11. Dresden - Ostpol, DE
  • 09.11. Nürnberg - MUZclub, DE
  • 10.11. Weinheim - Cafe Central, DE
  • 11.11. Dortmund - FZW (Young Blood), DE
  • 12.11. Aarau - KIFF, CH
 
   

  

Oktober 17, 2011

Dan Mangan - Oh Fortune

City Slang / Arts & Crafts
30.09.2011


Der aus Vancouver kommende Dan Mangan scheint auf seinem dritten Werk Oh fortune seinen Sound gefunden zu haben. Sein Debüt war experimentell egozentrisch veranlagt, sein Nachfolger gespickt mit Ohrwürmern und großartigen Balladen, so dass alle Singer-/Songwriter und Folkfans richtig vom Hocker gerissen wurden. Nun steht Oh fortune in den Plattenläden, benannt nach dem Klassikepos O fortuna. Ist man erstmal von Mangans Stimme und unbeschreiblicher Authentizität gefesselt worden, so erscheinen die neuen Songs schlicht wundervoll. Vertrauen, welches der Hörer durch Postcards & daydreaming (2008) und Nice, nice, very nice (2010) erlangte, wird mit ein klein wenig Geduld mehr als bestätigt. In diesem Sinne braucht Mangan eigentlich kein Glück, denn in jedem musikerfahrenen Ohr, legt sich der reifer gewordene Indiefolkrock so gemütlich hin, als wenn man sich mit Wolldecke auf die Couch bequemt und seinen Lieblingsfilm einlegt. Oder aber wahlweise auch mit seinen besten Freunden ein Bier trinken geht. 

Als Fan ist es immer schwierig objektiv zu bleiben. Andererseits sollte ich Vertrauen in meinen Musikgeschmack haben. Und hier habe ich mich ganz sicherlich nicht getäuscht. Was auffällt? Es fehlen die Mitsingpassagen a la Robots oder die stark countrylastigen Songspektakel wie Sold oder Some people. Dafür gibt es sich steigernde "Ohhhs" (Rows of houses) oder rockigere Songeinlagen (Post-war blues). Mangan ist rauer geworden. Die typische Chorusline hatte Mangan ja nie inne - auf Oh fortune wird dies nochmal untermauert. Vielleicht ist das sich durchziehende Thema auf Oh fortune, es dreht sich hauptsächlich um den Tod, daran auch Schuld - was heißt Schuld, es spielt einfach mit und macht dadurch mehr als nur Sinn. Die beiden Introsongs About as helpful as you can be without being any help at all (Hallo? Was für ein Hammetitel und auch -song) und How darwinian erscheinen als Paar noch glücklicher zu sein als sie es alleine schon eh sind und gehen dementsprechend auch ineinander über. Post-war blues zeigt die rauere Seite und die etwas unsanftere Art, im Gegensatz zum Vorgängeralbum Nice, nice, very nice. If I am dead und Starts with them, ends with us zeigen zwei verschiedene Auseinandersetzungen mit dem Tod. Auf der einen Seite die typische Fragen was denn nun wäre, wenn ich tot bin und auf der anderen Seite das Zusammenwachsen in einer solch für uns Menschen schwierig zu durchstehenden Lebensphase. Daffodil wäre für Sarah Templeton in Big Fish der ideale Song gewesen - wäre Big Fish ein tragisches Melancholieepos geworden. Der Titeltrack Oh Fortune holt mit gezielten Schlagzeugschlägen den Hörer aus der dunklen Zone wieder raus. Einfach, prägnant, auf den Punkt. Mit Leaves, trees, forest schleicht man durch den Wald und betritt nur weiches Moos, so dass auch hier behütet mit dem Ohr umgegangen wird. Die erste Videoauskopplung Rows of houses knallt dann so richtig vor den Latz. Bis jetzt stärkster Song, der anfangs ein wenig braucht, aber nach mehrmaligem Hören sich unglaublich anfühlt. Nur wenige Künstler schaffen mit "Ohhs" Gänsehaut zu erzeugen. Mangan scheint einer zu ein. Großer Sport. Die beiden letzten Songs Regarding death and dying und Jeopardy versüßen schon fast ein wenig das Thema Existenzende. Der Text von Jeopardy besteht dabei nur aus Fragen. Where did I go? What is this sorrow? What's left to burn? Ich weiß nicht welches Erlebnis Mangans mit seiner Platte beschreibt, vielleicht das Glück überlebt zu haben - in welchem Bezug auch immer. Oh fortune gibt den Ausdruck zu seinem Gefühl wieder. Spielerisch endet das Album mit Trompetenklängen und lässt Vergessen wie düster es doch manchmal war - das macht es wieder sehr glorreich.

"This album is coursing through my veins. It’s caustic and urgent, vibrant like the sea at sunrise and just so fucking dark and glorious." (via suspensionprayers.tumblr.com)



Oktober 09, 2011

Several girls galore


Keine Ahnung, aber wahrscheinlich haben sich Several girls galore nach dem gleichnamigen My bloody valentine Song benannt. Allein vom Stil passt es schonmal. Düster klingt es mit einer ordentlichen Shoegaze Attitüde, jedoch nicht ganz so schrammelig, teilweise eher akustisch. Das mittlerweile sechste Album kommt als "Name your prize"-Album via Bandcamp daher. Komischer Weise bin ich durch das sehr schlichte und einfach Cover auf die Band aufmerksam geworden. Sachen gibts, die hat man schonmal erlebt. Cross this wide country leitet grandios den Herbst ein! Geiles Album.




Reeperbahnfestival 2011

Zum sechsten mal bereitet der Schauplatz Reeperbahn Kiez mal wieder allen Musikfreunden einen heiden Spaß. Mittlerweile mehr als etabliert bietet das Reeperbahnfestival gleichermaßen für Musikfans, Presse und Businessleute eine gelungene Plattform, um Neues zu entdecken und über Altes zu schwadronieren. 3 Tage voll mit Konzerten, Showcases, Kunst, Diskussionen und noch viel mehr jeglicher Popkultur. Natürlich ist das Reeperbahnfestival nach Vorbildern wie dem SXSW in Austin, Texas oder dem Eurosonic Festival in Groningen, Niderlande aufgebaut worden, hat aber mittlerweile seinen ganz eigenen Charakter erschaffen. Vertreter aus aller Welt sind nach Hamburg gereist, um sich ihren Kopf mit den über 200 stattfindenden Shows füllen und sich über den Hamburger Paradekiez und die rund 40 Locations treiben zu lassen. Netterweise durfte auch ich wieder dieses Jahr für zwei Tage an diesem für Deutschland doch einmaligen Festival teilnehmen. Ich bekam meinen Ausweis und war stolz wie Oskar mit meinem abbreviated daylight Schild um den Hals durch Hamburgs Straßen zu ziehen.


Am Freitag angekommen wurde erstmal nachgehorcht, wie denn der verpasste Donnerstag gewesen ist. Fast schon erahnt habe ich die durchweg positiven Stimmen zum Auftritt der Norweger Team me, die mit einer unglaublichen Show viele beeindruckt haben müssen. Selbst in den Erzählungen danach spürte ich die Frische und nahm jedes Lächeln genüßlich auf. Auf Team me sollte man nämlich ein Auge werfen. Eine EP gibt es schon, das Debütalbum folgt. Ärgerlich das mit The Tellers, Brasstronaut, French Films und Josh Ottum weitere Highlights mir flöten gingen. Mal sehen ob im nächsten Jahr ein Urlaubstag mehr drin ist.

Flatstock, Spielbudenplatz                               Canada House, kukuun

Der Freitag begann sehr entspannt mit einem kühlen Bierchen im Pressebreich und dem Reinschnuppern in ein paar Podiumsdiskussionen. Das Festival ist in drei Spaten eingeteilt. Es gibt den Bereich Music, den Bereich Arts und den Campusbereich, der jedoch vorweigend für Plattenfirmen, Booking- und Promoagenturen sowie der Presse interesant ist. Das Who is Who des Backstagebreiches bfeindet sich hier. Jedoch solte demnächst der örtliche Erkennungsdienst angagiert werden, um ein etwas besseres Zusammenbringen und -führen zu organisieren. Hier mal jemanden ohne Akkreditierung zu treffen ist höchst selten. Interessanter Weise schaut man sich nicht ins Gesicht, sondern nahezu oder erstmal nur auf den umgehängten Ausweis. Übrigens auch ein Glücksgriff für so manche Dame des horizontalen Gewerbes, wenn diese dann einen sofort mit Namen ansprechen kann. Es kann also auch unangenehm werden, aber man nimmt es mit Humor. 

Ansprechend und vor allem für die nötige Partystimmung sorgte der holländische Skabus auf dem Spielbudenplatz. Ein alter gelber Schulbus, wie man ihn vor allem aus amerikanischen Filmen kennt, wurde kurzerhand umfunktioniert zur kleinsten Skabühne der Welt. Um möglichst viel Stimmung und verstörte Blicke der draußen stehenden Zuschauer zu ergattern, wurden so viele Leute zur grade spielenden Band mit in den Bus gepackt. Beim nächsten TÜV würde ich die Raddämpfer und die beiden Achsen mal kontrollieren lassen. Stimmung garantiert.


Einzig oder einzigartig bleibt die Show des ehemaligen MTV Aushängeschildes Ray Cokes, der in seiner über die drei Tage täglich einstündigen Show Ray's Reeperbahn Revue so ziemlich alle in Laune bringt. Lockerer Talk und Livemusik im pickepacken vollen Schmidt Theater. Cokes macht den Unterschied zu so vielen Anderen. Ein Glücksgriff, der den Besuch des Campusbereichs schon rechtfertigt. Neben dem Schmidt Theater befinden sich die Schowcasebühnen der Kanadier und der Holländer. Im kukuun und im Sommersalon versuchen Agenturhasen und Labelmiezen ihre Künstler unter die Leute zu bringen. Halbstündige hautnahe Sets von Ian Kelly, Wilderness of Manitoba (beide Kanada) oder Moss und I am oak (beide Niederlande) stimmen am Nachmittag perfekt ein. Das Bestellen des kühlen Astras hat mit dem eigenen Namen versehenen Akkreditierungsausweis auch wieder eine persönliche Note - ein wenig angenehmer als das Umwerben von Monique. Auf dem Spielbudenplatz machten sich diese und jene Band auf der Radio N-Joy Bühne bereit und spielten ein oder zwei Songs für das vorbeilaufende Volk. So nahm man den Talking to turtles Auftritt gerne mit. Etwas weiter auf dem Spielbudenplatz stellte sich die weltweite Posterkultur im Rahmen des Flatstocks Europe zur Schau. Für Grafikfans und Sammler ausgefallener Posterkunst ein herrliches Fressen.

Moss, Schowcase

Talking to turtles, Radio N-Joy Bühne


I am oak, St.Pauli Kirche

Der Konzertmarathon begann im Molotow bei den Eastern conference champions und mit der ersten Erkenntnis, dass es nicht immer so sein muss wie im letzten Jahr. 2010 hatte ich noch keine Probleme in die Clubs zu gelangen. Das Molotow war aber bis zur Theke hin so dichtgepackt mit Besuchern, dass ich nur kurz hören konnte, wie denn die mir unbekannten und empfohlenen Eastern conference champions so sind. Ein paar Tage später in Berlin konnte ich sie mir dann in etwas ungedrungenerer Atmosphäre, als Vorband der Get up kids, in Ruhe anschauen (Konzertreview hier). Das für Jedermann persönlich zusammenstellbare Timetable schlug nun vor zum Namensgeber des Hamburger Kiezes, der St.Pauli Kirche, zu pilgern. Ähnlich wie die Konzertkirchen in Dortmund und in Köln bietet auch die St.Pauli Kirche in Hamburg eine tolle Akustik und für den ersten Act des Tages, I am oak, erschien die Location genau richtig. Ein fast schon andächtiges Konzert, mit Hingabe zur Musik und der nötigen Ruhe und dem Respekt gegenüber des Veranstaltungsortes. Weihwasser wurde zu Wein und Bier und Pfarrer, Küster und Pastoralreferentin schanken aus. Herr-lich! Neben den eigenen wunderbaren Songs von I am oak spielten die Niederländer auch eine Coverversion des Bruce Springsteen Songs Streets of Philadelphia. Das ging schon mal unter die Haut. Doch auf zum nächsten Highlight. Pelle Carlberg wartete schon in der Hasenschaukel, leider nicht auf mich. Die Hasenschaukel war voll. Die Frontscheibe zur Silbersackstrasse beschlug sich schon fast - also weiter. Prinzenbar! Auch nicht weit weg. Orph sind gleich dran. Pünktlich anwesend trumpfte die Band aus Weimar mehr als überzeugend auf. Melancholisch verpsielter Indienoisepoprock - Verflucht sei der Genreerfinder. Orph waren toll. Leidenschaft, Improvisation, Rock, Electronic, Harmonie, Noise - abwechslungsreich und eingängig. Majästätisch wirkte dieser Auftritt in der Prinzenbar. Da verpasste ich gerne die bestimmt auch nicht schlechten Ganglians. Orph packte richtig am Kragen und ließ erst nach dem letzten Song los.


Orph, Prinzenbar
Friendly fires, Uebel & Gefährlich

Für viele schon vorher klar, stellten die Australier Cloud control das Highlight des Freitagabends dar. Ein paar Minuten zu spät dran und die Kapazität des Knusts war erreicht. Vordrängeln in der anstehenden Schlange gilt nicht, also weiter zum Uebel & Gefährlich, damit wenigstens die letzten Takte von Friendly fires noch mit aufgenommen werden konnten. Oben im Bunker angekommen, man muss in den 4. Stock mit dem Fahrstuhl in die Konzerthalle des Uebel & Gefährlichs fahren, überschlug den Gehörgang ein Mix aus Funk, Punk und Indie. Der Frontbereich schien eine einzige Menge tanzender Verrückter zu sein. Da wippte jeder mit und der positive Charme der Engländer aus St.Albans überraschte sichelrich nicht nur mich. Im Anschluss an Friendly fires machten sich die Jezabels aus Sydney auf der Bühne bereit. Es wurde düsterer und brachte im Gegensatz zu den vorher auftretenden Engländern einen totalen Kontrast. Mystisch elegant schlich Sängerin Hayley Mary über die Bühne und konnte leider nur so richtig mit ihrem Hit Endless summer überzeugen. Tolle Stimme und viel Potential, aber viel zu erwartungsvoll nach vorne geprescht. So verschwinden viele Songs im Klangraum des Uebel & Gefährlichs.



The Jezabels, Uebel & Gefährlich

Wieder zurück am Knust sollte EMA dem Freitag einen würdigen Abschluss geben. Mit Bandunterstützung krachten die Songs über die Balkone im Knust und auf der Bühne sah man eine verzückte und in guter Laune befindliche Erika M. Anderson. Rückkopplung, Lärm und dazwischen immer wieder einprägende Melodiefetzen. Grandios California oder Milkman live zu erleben. Anderson selber wirkte dabei so offen und authentisch, so dass es ein würdiger emotionaler und mehr als grinsebackender Abschluss für den Freitag war. Um mal kurz zu erwähnen was verpasst, nicht erreicht oder einfach zeitlich nicht möglich war, sind hier die Bands die Freitag ebenfalls das Hamburger Nachtleben zu etwas Besonderem machten: Herman Dune, The get up kids, Handsome furs, Hundreds, Kristoffer Ragnstam, Jack Beauregard, Ganglians, Eastern conference champions, Ben Howard oder Apparat Band.

EMA, Knust

Am Samstag eröffneten Dear reader im Grünspan und enttäuschten mich leider abermals. Das neue Album fruchtete schon nicht und die Livechance, den ich den Südafrikanern geben vermochte hätte ich mir sparen können. Aber so sind nun mal Eindrücke. Es klang in meinen Ohren belanglos, Musik bleibt Geschmackssache. Ein kurzer Abstecher ins benachbarte Indra lieferte aber ähnlich grausige Töne, so dass Notizen anscheinend noch nicht mal nötig gewesen waren. Also dann lieber einmal komplett über den Kiez und rüber zum Imperial Theater. Dort spielten die Niederländer Moss, die am Vortag schon im Showcase überzeugten. Ein wenig müde schon vom vielen Hin und Her, wurde das Imperial Theater auf der einen Seite mit Freude betreten, auf der anderen Seite mit Sorge. Bieteten die herrlichen Theatersessel doch eine gelungene Entspannung und lieferten gleich aber auch die Gefahr nicht mehr hochzukommen und einzudösen. Moss verhinderten dies durch ein großartiges Stück Musik. Immer wieder glänzend, wenn Musiker auf der Bühne stehen, die ihr Instrument beherrschen. Moss kommen live deutlich druckvoller und prägnanter rüber als auf Platte. Ein positives Erlebnis durch und durch und mit ein Highlight des diesjährigen Festivals. Das Imperial Theater ist dabei eine mehr als gelungene Location. Hier stehen sonst Miss Marple oder Sherlock Holmes auf der Bühne, jetzt smarte holländische Nerds mit süßem Poprock.

Dear reader, Grünspan


 
 Moss, Imperial Theater


Süß war auch eine kleine Neuseeländerin die in Angie's Nachtclub mit Begleitung und nur Akustikgitarren bestückt, mit einer zarten Melodie nach der anderen den Zuschauer einwickelte. Flip Grater aus Auckland stand auf der Bühne, die eigentlich keine war. Bei Angie treten die Künstler sozusagen auf gleicher  Höhe auf. Die nicht vorhandene körperliche Größe Flip Graters machte das aber eher zu einem kleinen Problem. Nichts desto trotz berührte die Musik sehr und brachte mir Erinnerungen an Tiny Vipers oder Emily Jane White nahe. My heart belongs to Cecilia Winter sollte folgen. Allein der Name machte mich neugierig auf die Schweizer. Doch die Prinzenbar war voll. Nachdem der Molotowkeller mich zudem abermals nicht reinließ, um mir eine zweite Meinung der Flashguns einzuholen, der erste war nicht von Erfolg gespickt, und die im Erdgeschoss ansässige Molotowbar, Me and my drummer spielten grade, mir keine Luft zum Atmen schenkte, zog es mich abermals ins Imperial Theater. Der Engländer Marcus Foster ließ mich wenigstens noch teilhaben an etwas Musik. Nur mit Gitarre und Cajón ausgestattet lieferte Foster eine runde Show ab. Teilte mit seinem Publikum Spaß und Leidenschaft. Seine Songs wirkten teilweise zwar wie Frank Turner Protestsongs, erzeugten aber durch eine äußerst authentische Art und Weise teilweise Gänsehaut.

Flip Grater, Angie's Nightclub


Marcus Foster, Imperial Theater

Überraschender Abschluss am Samstag waren dann die letzten Takte der Instumentel Post-Rock oder gar Metal Combo Long distance calling, die anscheinend während ihrer Show im Knust den halben Laden auseinander nahmen und unglaublich viel positives Feedback bekommen haben. Da reichte der Eindruck der letzten drei Stücke, die gefühlte 30 Minuten gedauert haben. Und dann war der Samstag plötzlich mit diesem Paukenschlag zu Ende. Nicht vergleichbar mit dem Freitag, was nicht schlimm, aber aufgrund der vielen vollen Läden einfach ärgerlich war. Dennoch entpuppte sich das Wochenende auf dem Hamburger Kiez als ein schlichtweg tolles Wochenende. Bei einer zu großen Schlange vor dem Club, sollte stets nicht aufgegeben werden und einfach mal nach nebenan geschaut werden, wer denn da grad spielt. Mit Flip Grater, Moss, I am oak oder auch Orph hatte ich plötzlich Bands im Kopf, die vorher nicht in dieser Größe auf dem Zettel standen.

In Hamburg geht das Herz auf. Mit Musik noch viel mehr. Der Kiez, die Elbe, die Absacker in der Mutter - was gibt es Schöneres? Am Sonntag fuhr ich nochmal durch den Hafen, atmete ein wenig Seeluft ein und ließ in Ruhe das Erlebte sacken. Bis nächstes Jahr Hamburg. Es war schön mit Dir.

Oktober 06, 2011

The Computers


Man benötige Long Tall Sally der Backbeat Band und eine ordentliche Ladung Screamopunk, man mixe es zusammen, dehnt es auf 11 Songs aus, ein wenig The Hives und den Gesang von The Fall of Troy noch hinzugekippt. Alles in einen Topf. Umrühren. Schuppdiwupp, siehe da: The Computers. Fertig. Irgendiwe nix Neues, aber dennoch frisch auf dem Gabentisch. Gerockt wird hier grandios und macht Stimmung nach einem nicht sonderlich erfolgreichen Tag. Sport für die Ohren. Wirken lassen. Im Buddy Holly Look singen sie Music is dead - bewirken aber das Gegenteil!

thisisthecomputers.com

The Computers - Music is dead

Oktober 05, 2011

The get up kids live @ Lido, Berlin 9/29/11

Support: Eastern conference champions

Tja, wo fängt man an, wenn man gespaltener Meinung ist? Kein Wunder also, dass der Bericht hat ein wenig auf sich warten lassen. Es musste erstmal ein wenig Zeit vergehen, bis der Abend im Berliner Lido verkraftet werden wollte.

Die Get up kids sind ohne Frage eine der wichtigtsten Bands im Indierock/Emorock Genre der letzten 12 Jahre. Wenn ich heute die 99er Scheibe Something to write home about auflege, erzeugt sie immer noch ruckartig aufschwallendes Rhythmusgefühl, Gänsehaut und jenen Moment, der gemacht ist um sich in Musik wohlzufühlen. Als dann 2005 die Trennung bekanntgegeben wurde, war man schon enttäuscht, hatte aber vor allem im Nebenprojekt Matthew Pryors', The New Amsterdams, eine quasi Ersatzband - auch wenn es softer zuging. Im Jahre 2008 entschied man sich dann auf ein Comeback. Aufgrund der kurzen Trennung war es eigentlich gar keine richtig Trennung, zumindest für den Fan gefühlt. Es folgte eine Reuniontour und prompt erste neue Songs. Eine EP machte sich auf den Weg (Simple Science, 2010) und dieses Jahr kam dann auch das Album auf den Markt (There are rules, 2011). Und nun, so wie das Geschäft nun mal tickt, die Tour zum letzten Album. Klingt alles ein wenig abgekatert und nach dem üblichen Schema. Und es macht auch bei den fern ab vom Mainstream angesiedelten und doch populären Get up kids nicht Halt. So war die Spannung ein wenig größer als die Vorfreude, wie denn jetzt alles so passt und sitzt bei den Protagonisten aus Kansas. Im Vorfeld hörte man schon große Berichte aus den anderen Städten.

Doch gleich zu Beginn wurde die Stimmung etwas gedämpft, als ich am Eingang des Lidos erfahren musste, dass es zuschauermäßig recht übersichtlich bleiben wird. Erschreckendes wurde offenbart, als die Vorband Eastern conference champions die Bühne betrat und nahezu kein Mensch in der Halle war. Erst ab Song drei vier füllte sich der Raum. Und das mehr als verdient. Die Eastern conference champions (ECC) waren alles andere als eine Vorband, die zur Langeweile und Müdigkeitsanfällen führte. Energiegeladene vernuschelte Songs im traditionellen Rockstil. Stark 90er angehaucht und doch auf ihre Art und Weise innovativ. Hatte man als Zuschauer grade eine Linie gefunden, so wurde der Song im nächsten Moment wieder irgendwo anders hin transportiert. Joshua Ostrander (vocals, guitar, piano), Greg Lyons (drums, percussion) und Melissa Dougherty (guitar, vocals) machten auf sich aufmerksam. Ich kannte ECC peinlicher Weise noch nichtmal vorher. Wer schaut sich schon die Bands an, die auf dem Twighlight Soundtrack sind? Gut, dass es so rum war und nicht anders, das Kennenlernen. Wenn Songs beim ersten Hören live funktionieren, kann es eigentlich gar nicht schlecht sein. Hängengeblieben ist vor allem ihr letzter Song Atlas, bei dem alle drei zum rhythmischen Orgasmus ausholten, so wie sie auf Toms und Drums einschlugen. So waren trotz geringer Zuschauerzahl die ersten 40 Minuten schonmal äußerst gelungen. Neben Atlas überzeugten Attica, Hello or high water und Sunshine.

Eastern conference champions: 





Die Get up kids betraten wenig später die Bühne. Es waren jetzt mehr Zuschauer anwesend, aber die kleine Halle war noch lange nicht ausverkauft. Aus den Boxen ertönte Kraftwerks Autobahn bevor das Intro vom Song Tithe abgespielt wurde. Der Übergang war gelungen und es wurde gleich eine Marke gesetzt, dass das Konzert nicht ganz so soft und seicht wird, wie das letzte Album. Prinzipiell war das eine gute Absicht, doch der Mischmasch, der sich dann anbahnte war äußerst gewöhnungsbedürftig. Positiv war es, die neuen Songs wie Automatic oder Shatter your lungs etwas kräftiger im Soundpaket präsentiert zu bekommen - doch der Mix mit dem alten läppisch gesagtem Geschrammel ging irgendwie in die Hose. Oder der Soundtechniker hatte einen im Kahn. Da freute man sich auf Songs wie Action & action, Red letter day oder I'm a loner Dottie, a rebel und bekam erst beim zweiten Hinhören mit, dass diese Songs grade laufen. Die Stimmung im Publikum war nicht schlecht, aber auch fern ab von gut. Es gab an der Seite von Matthew Pryor zwar einen Pulk Leute, die mehr als nur feierten und sicherlich auch ihren Spaß hatten, aber der Rest im Lido wollte oder konnte nicht aus sich raus. Die Band war bis auf die Zugabensongs nicht all zu sehr kommunikativ. Was auch ein Grund für fehlende innerliche und äußerliche Bewegung sein könnte. Der Zugabenteil hatte es mit Holiday, Ten minutes und dem Blur Cover Boys & Girls dann zum Glück so richtig in sich. Einiges konnte so wieder gut gemacht werden. Lichte Momente waren das von Jim Subtic solo vorgetragene Campfire Kansas und der neuere Song Automatic. Something to write home about und das letzte Album There are rules standen im Vordergrund, während Guilt show, On a wire und Four minute mile etwas vernachlässigt wurden. Der Abend schloss mit einem nicht zu definierenden Lächeln. Froh über das gelungene sehr rockig und partylastige Ende und stark verägert über den matschigen Sound. Dagegen wieder froh über eine tolle Vorband und ein abgestaubtes Vinyl. Es überwiegt das Positive, zum Glück, denn die Get up kids werden eine etwas längere Pause einlegen, bevor sie mit neuem Material zurückkommen werden.

Links:
thegetupkids.com
eccmusic.com


The get up kids:





 Alle Fotos: Julia Fritsche